5 Fragen an F. Patterson: Warum mehr Hungernde?

Jeden Oktober veröffentlicht die Organisation „Welthungerhilfe“ den Welthunger-Index, mit dem die Hungersituation erfasst wird. Was sind die Trends – und was muss unternommen werden? Fraser Patterson ist Referent für Welternährung und beschäftigt sich mit dem Index.

 
(c) Foto Privat
Fraser Patterson ist Referent für Welternährung bei der Welthungerhilfe

1. Über viele Jahre hinweg sank die Zahl der Hungernden weltweit. Nun nicht mehr. Warum?

In den letzten drei Jahren ist diese Gruppe angewachsen, und zwar auf 822 Millionen Menschen. Die Gründe liegen in der Zunahme bewaffneter Konflikte – denn dann kann man nicht mehr das Feld bestellen, die Lieferwege werden unterbrochen und Nahrungsmittel verteuern sich –  und beim Klimawandel in Form von Dürren und Überflutungen. Das sind die beiden Haupttreiber. Dazu gesellt sich aber auch Armut an sich: Theoretisch könnten zehn Milliarden Menschen schon jetzt ernährt werden, aber viele haben oft dazu keinen Zugang, weil sie sich kein Essen leisten können. Armut ist oft eine Folge von Ausgrenzung und Ungleichheit; vier von fünf hungernden Menschen leben auf dem Land, in marginalisierten Orten mit wenigen Chancen auf Bildung, Gesundheitsversorgung und funktionierender Infrastruktur.

 

2. Also ist das Ziel, bis 2030 den weltweiten Hunger zu besiegen, eine unrealistische Hoffnung?

Wir sind seit drei Jahren auf dem falschen Weg. Allerdings zeigt der Welthunger-Index, dass es möglich ist Hunger weltweit zu reduzieren, da die Indexwerte seit 2000 um 28 Prozent zurückgegangen sind. Theoretisch kann der Hunger bis 2030 beendet werden, das bedarf aber gewaltiger Anstrengungen auf allen Ebenen. Das Ziel ist zwar sehr ambitioniert, aber erreichbar. Schließlich haben sich alle Länder zu diesem Ziel verpflichtet. Nun müssen wir die Regierungen dieser Länder in die Pflicht nehmen.

 

3. Was müsste denn getan werden?

Bewaffnete Konflikte brauchen politische Lösungen – da müssen vor allem Regierungen handeln. Und der Klimawandel muss bekämpft werden, indem wir im globalen Norden unsere Klimaziele erreichen und ärmere Länder bei der Anpassung an die Auswirkungen des Klimawandels unterstützen. Und: Die Bekämpfung von Armut und Hunger muss in der Entwicklungspolitik oberste Priorität haben. Dabei müssen vor allem die am wenigsten entwickelten Länder, wie in Afrika südlich der Sahara oder in Südasien im Fokus stehen. Dort muss in  die ländliche Entwicklung und in Kleinbäuer*innen investiert werden – denn die produzieren die meisten Nahrungsmittel in diesen Regionen.

 

4. Welche Rolle spielt dabei die Digitalisierung in der Landwirtschaft?

Digitalisierung kann eine wichtige Rolle spielen. Es gibt große Potenziale in diesem Bereich, aber es muss für die Ärmsten zugänglich sein. Oft sind diese Technologien für Kleinbäuer*innen zu teuer oder sie stehen in abgelegenen Regionen nicht zur Verfügung. Auch die Welthungerhilfe arbeitet an digitalen Lösungen – wie zum Beispiel Apps für Landwirte - zentral ist dabei für uns, dass diese mit den Menschen vor Ort zusammen entwickelt werden.

 

5. Was läuft bei den reichen Ländern falsch?

Wir sind Hauptverursacher des Klimawandels und müssen endlich unsere Klimaziele erfüllen. Außerdem braucht es kohärente Politik: Internationale Handelspolitik sollte nicht die Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit unterlaufen. Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte sollten von Regierungen und der Wirtschaft umgesetzt werden. Es ist möglich, dass wir in den kommenden Jahren eine Trendwende schaffen und die Zahl der Hungernden wieder weltweit reduzieren. Wir brauchen dafür aber mehr Anstrengungen, auch von den reichen Ländern.    

 

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