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Urban Gardening findet in den Metropolen des Nordens immer mehr Anhänger. Menschen, die sich als Teil einer grünen Bewegung sehen, legen in der Stadt, beispielsweise auf Dächern oder auf Brachflächen, Nutzgärten an. In Gegenden großer Armut im globalen Süden ist urbane Landwirtschaft Teil einer Ernährungsstrategie
In Afrika engagieren sich schätzungsweise 130 Millionen Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen, in Lateinamerika 230 Millionen in urbaner Landwirtschaft. Sie bauen Früchte und Gemüse an und halten Tiere zur Selbstversorgung. Weit verbreitet ist städtische Hühnerhaltung, aber auch Ziegen und Kühe werden für die Selbstversorgung gehalten oder zum Teil verkauft. Orte der Tierhaltung sind neben Höfen in der Nähe der Wohngebäude zum Beispiel auch öffentliche ungenutzte Flächen. Insgesamt halten 800 Millionen Stadtbewohnerinnen und -bewohner Nutztiere, sagt die Welternährungsorganisation (FAO), ein Viertel dieser Menschen bietet die geernteten Erzeugnisse auf Märkten an.
In Mega-Städten wie Rio des Janeiro spielt urbane Landwirtschaft inzwischen eine wichtige Rolle für die allgemeine Versorgung der Stadt mit Nahrungsmitteln. Denn in den Prozessen fortschreitender Urbanisierung dehnen sich die großen Städte so aus, dass ursprüngliche landwirtschaftlich genutzte Flächen in städtisches Gebiet übergehen. In Buenos Aires gibt es mehr als 2000 Gemeinschaftsgärten – Haus- und Familiengärten, Nachbarschaftsgärten und Gärten von Arbeitsloseninitiativen. Auch in den Townships in Südafrika sind kleine, landwirtschaftlich genutzte Flächen weit verbreitet.
Haben Stadtgärten das Potential für die Ernährung einer wachsenden Zahl zukünftiger Stadtbewohner und Stadtbewohnerinnen? Eine herausragende Rolle spielt urbane Landwirtschaft bei systemischen Krisen oder Kriegen, wenn die Versorgung der Städte aus dem ländlichen Raum zusammenbricht oder abgeschnitten wird. Folgende Beispiele werfen ein Schlaglicht darauf, wie Menschen aufgrund von Versorgungsengpässen in den Städten selbst Initiative ergriffen, eine Subsistenzwirtschaft entwickelten und sich selbst versorgen.
Wie bedeutsam Urban Gardening für die Versorgung der Städter sein kann, zeigt der wirtschaftliche Niedergang der Autostadt Detroit. Dort fand der kapitalistische amerikanische Traum bedingt durch den Kollaps der Autoindustrie ein jähes Ende und ließ eine zunehmend deindustrialisierte Großstadt zurück – mit spürbaren Folgen auch was die Versorgung mit Lebensmitteln angeht. Nahrungsmittel wurden teilweise unerschwinglich teuer oder wurden erst gar nicht mehr angeboten, da sich aufgrund der fehlenden Wirtschaftskraft der Detroiter das Versorgungsnetzwerk aus Supermärkten und Schnellrestaurants aus der Stadt zurückzog.
Bewohnerinnen und Bewohner von Detroit ergriffen daraufhin die Initiative und begannen, auf ehemaligen Industrieflächen Nahrungsmittel anzupflanzen. Daraus entstand ein inzwischen beeindruckendes Netzwerk aus weit mehr als tausend urbanen Gärten. Ihre Produkte boten die Erzeugerinnen und Erzeuger zunächst auf informellen Märkten an, mit der Zeit entstanden Bauernmärkte. In den gesamten Vereinigten Staaten fand die Detroiter Urban Farming-Bewegung Nachahmer. Mit ihrem Saatgutbedarf spielt die Urban Gardening-Bewegung auch eine Rolle beim Aufbau und Erhalt der kommunalen Saatgutbanken, genannt „Seed Libraries“. Beides sind integrale Bestandteile des wachsenden Widerstandes innerhalb der USA gegen die industrielle Landwirtschaft und die gentechnisch veränderten Organismen (GMOs) der großen Konzerne.
Eines der bekanntesten Beispiele für urbane Landwirtschaft ist Kuba. Dem Zusammenbruch des Ostblocks Anfang der neunziger Jahre fiel auch die landwirtschaftliche Arbeitsteilung unter den und innerhalb der sozialistischen Staaten zum Opfer; die Lebensmittel-, Waren- und Ölimporte aus den Sowjetstaaten, von denen das Land hochgradig abhängig war, fielen mit deren Zusammenbruch schlagartig weg und das bisherige System der Lebensmittelversorgung funktionierte nicht mehr. In der Folge verschlechterte sich in Kuba die Ernährungslage insbesondere der Menschen in den Städten auf drastische Weise. Sie begannen, auf nicht genutzten Freiflächen Gärten anzulegen und Nahrungsmittel anzupflanzen. So steigerten sie innerhalb kürzester Zeit den Anteil der Lebensmittel, die in der Stadt, insbesondere in Havanna, erzeugt wurden. Schon Mitte der 1990er Jahre gab es fast 30.000 Gartenparzellen in der zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt. Beim Anbau verwenden die urbanen Farmer nur wenig Dünger und Pestizide, pflanzen auf sehr kleinen Flächen und passen auch ihren Tierbestand der meist geringen verfügbaren Fläche an.
Heute wachsen dank der „Revolución verde“ allein in Havanna mehr als zwei Drittel des verzehrten Obsts und Gemüses innerhalb der Stadtgrenzen. Die kubanische Regierung hat durch die großzügige Vergabe von Freiflächen an Produzenten und durch wissenschaftliche Begleitung die Agricultura urbana aktiv gefördert. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Entwicklung der agrar-ökologischen Produktion.Insgesamt werden gut 35.000 Hektar Land in Havanna für urbane Landwirtschaft genutzt und mehrheitlich ökologisch bewirtschaftet. Die Erfolge des kubanischen urbanen Anbaus haben weltweit viele Menschen inspiriert. So bezogen beispielsweise auch die Gründer der Prinzessinnengärten in Berlin Kreuzberg, eines der bekanntesten deutschen Urban Gardening-Projekte, ihre Inspiration aus mehreren Kuba-Aufenthalten.
Ein aktuelles Beispiel dafür, wie urbane Landwirtschaft mit politischem Widerstand verbunden wird, ist das Netzwerk 15th Garden. Seine Aktivistinnen und Aktivisten setzen sich seit Jahren für die Demokratisierung Syriens ein und legen urbane Gärten zur Nahrungsmittelproduktion in den belagerten und ausgehungerten Städte und Enklaven Syriens an. Das Netzwerk besteht aus urbanen Gärten, regional vernetzten Familiengärten, gemeinsamer bäuerlicher Organisation und Produktion in den ländlichen Regionen sowie Landwirtschaftsinitiativen von Flüchtlingen in den Flüchtlingslagern der syrischen Anrainerstaaten.
Ihre Aufgabe sehen die Aktivistinnen und Aktivisten darin, das Ernährungssystem zu demokratisieren und Lebensmittel, insbesondere Gemüse, überhaupt erst wieder verfügbar zu machen. Saatgut wird getauscht und reproduziert, und Fähigkeiten in nachhaltiger Landwirtschaft und Gärtnerei werden in Workshops und Kursen weitergegeben.
Es ist sicher auch ein Ergebnis der basisdemokratischen Urban Gardening-Bewegung in Berlin, dass hier einer der ersten Ernährungsräte Deutschlands entstanden ist. Ziel ist, sich angesichts eines hochindustrialisierten ländlichen Raumes in der direkten Stadtumgebung mit den ländlichen Produzentengruppen auszutauschen, um einen besseren Interessenausgleich zu erreichen und die Produzenten und Produzentinnen auf dem Land zu stärken. Wie erfolgreich dieser Dialog sein kann, zeigt das Beispiel Brasilien eindrücklich: Hier hat der nationale Ernährungsrat CONSEA (Conselho Nacional de Segurança Alimentar e Nutricional), zu dem Vertreter und Vertreterinnen von Regierungsbehörden und verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen gehören, dazu beigetragen, das Ernährungssystem zu demokratisieren, Hunger und Mangelernährung einzudämmen und gleichzeitig die Interessen der Bevölkerung in den Städten und auf dem Land miteinander in Einklang zu bringen.
All diesen Bewegungen ist eines gemeinsam: Sie verändern – wenn auch aus verschiedenen Gründen – das jeweils bestehende Ernährungssystem aus der Stadt heraus. Dabei greifen sie auf traditionelle landwirtschaftliche Produktionsweisen zurück. Zum Teil stellen sie dabei die Vielfalt der ländlichen Biodiversität in den Vordergrund, um die Monotonie der Städte und der dortigen Ernährungsgewohnheiten zu durchbrechen. Oder sie bauen neue Beziehungen zwischen Produzenten und Konsumenten auf, zum Beispiel durch die städtischen Ernährungsräte. So kann das Verständnis zwischen Stadt- und Landbewohnern füreinander wachsen und Nahrung vielfältiger erzeugt und gegessen werden.