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Im Jahr 2030 kommt jeder dritte Mensch, der Arbeit sucht, aus Afrika. Heute ist menschenwürdige Arbeit auf dem Kontinent noch Mangelware. Doch kann die Entwicklung des ländlichen Raums das Problem lösen
Das Dorf Mandu liegt im Buschland Sierra Leones, von der Provinzhauptstadt Bo auf Schotterpisten vier Stunden Fahrt entfernt. Eine Reismühle rattert auf einer Lichtung, junge Männer schaufeln die Ernte in die Maschine. Am Ende sind die Körner entspelzt und geschält, weißer Reis wird für den Verkauf in Säcke abgefüllt. Im sogenannten Agriculture Business Center direkt daneben verarbeiten Frauen Maniokknollen zu Chips. 500 kleinbäuerliche Familienbetriebe haben sich in Mandu zu einer Kooperative zusammengeschlossen. 50 Jugendliche finden hier eine Ausbildung und bezahlte Arbeit, unterstützt durch ein Programm der Welthungerhilfe. Doch Ausbildungs- und Arbeitsplätze wie diese sind rar im ländlichen Afrika.
Weltweit sind zwei Milliarden Menschen jünger als 15 Jahre, weitere 1,2 Milliarden sind zwischen 15 und 24 Jahre alt. Das ist zahlenmäßig die größte Generation junger Menschen in der Geschichte – für Regierungen, aber auch für die Wirtschaft und Entwicklungszusammenarbeit eine Mammutaufgabe! Aktuell haben sieben von zehn jungen Menschen in Afrika südlich der Sahara höchstens eine prekäre Beschäftigung; 64 Prozent aller Beschäftigten leben von weniger als 3,10 US-Dollar am Tag und 220 Millionen leiden Hunger. Und zwar dort, wo Nahrungsmittel produziert werden – auf dem Land. Gleichzeitig ist die kleinbäuerliche Landwirtschaft für 90 Prozent der ärmsten Menschen immer noch Haupteinkommensquelle. Deshalb müssen gerade in ländlichen Regionen dringend neue Arbeitsplätze geschaffen werden, um jungen Menschen eine Zukunftsperspektive zu bieten.
Ackerland wird knapper, die Erträge steigen mangels Trainings und ökologisch nachhaltiger Anbaumethoden vergleichsweise gering. Junge Afrikanerinnen und Afrikaner kennen die Härten des täglichen Lebens: In die Landwirtschaft wurden sie „hineingeboren“ - ohne solide Ausbildung. Der bäuerliche Familienalltag ist Knochenarbeit, mechanische Hilfsmittel stehen selten zur Verfügung, und die Einkommen sind schlecht. Der Zugang zu Märkten und Krediten ist schwierig, die Ernteverluste sind hoch, bedingt durch Wetterextreme, aber auch durch schlechte Lagermöglichkeiten. Ein wirtschaftlicher und sozial verträglicher Strukturwandel ist dringend notwendig: Neben einer Modernisierung der bäuerlichen Landwirtschaft kommt es dabei vor allem auf die Schaffung neuer Arbeitsplätze in der Weiterverarbeitung landwirtschaftlicher Produkte wie auch im Handwerk und Dienstleistungssektor an.
In afrikanischen Dörfern gibt es selten Strom und sauberes Trinkwasser, der Schulunterricht vermittelt häufig nicht die erforderlichen Qualifikationen. Wer Waren transportieren will, schlägt sich immer wieder mit kaputten Straßen und auch korrupten Beamten herum. Kein Wunder, dass viele junge Menschen in Zeiten der Globalisierung von einem besseren Leben träumen. Wenn sie – gering qualifiziert – in die Städte abwandern, bleiben ihnen meist nur schlecht bezahlte Tagelöhnerjobs. Denn in den wenigsten Städten Afrikas fand, im Unterschied zu anderen Weltregionen, bisher eine Industrialisierung, verbunden mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze, statt. Bleibt die Migration in andere Länder oder Kontinente – ein Ventil, das mit Chancen, aber auch hohen Risiken verbunden ist. Kann der lokale Arbeitsmarkt junge Heranwachsende nicht absorbieren, kann es sein, dass vor allem junge Männer angesichts ihrer Perspektivlosigkeit diesen Weg wählen. Oder sich schlimmstenfalls Rebellen- oder Terrororganisationen anschließen.
Vieles ist in den vergangenen Jahrzehnten schief gelaufen. Afrikanische Regierungen haben Investitionen in Landwirtschaft und ländliche Regionen sträflich vernachlässigt, beispielsweise in Verkehrswege, Energieversorgung, Kommunikation, Gesundheitsversorgung oder Bildung. Die Privatwirtschaft hat ebenfalls wenig investiert, teils auch wegen fehlender staatlicher Wirtschaftsreformen. Auch die internationale Entwicklungszusammenarbeit hat die Förderung der ländlichen Entwicklung jahrzehntelang vernachlässigt.
Für junge afrikanische Männer und Frauen ist eine solide Berufsausbildung der Schlüssel zu einer global vernetzten Welt mit wachsenden Wissensgesellschaften. Gerade mit Blick auf Armuts- und Hungerbekämpfung sollten neue Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten – wie auch neue Arbeitsplätze – in ländlichen Räumen geschaffen werden. Entsprechende Qualifizierungen ermöglichen nicht nur eine Produktionssteigerung und die Qualitätsverbesserung landwirtschaftlicher Produkte, sondern sorgen auch für ein besseres Einkommen. Außerhalb der Landwirtschaft können zusätzliche Arbeitsplätze in der Weiterverarbeitung und damit Wertschöpfung von Agrarprodukten geschaffen werden – idealerweise durch kleine und mittlere Unternehmen in den Kleinstädten ländlicher Regionen. Erfahrungsgemäß hat der Anbau von Grundnahrungsmitteln für den heimischen Markt, oft in Verbindung mit Exportprodukten, positive Rückwirkungen auf die Ernährungssicherheit in ländlichen Räumen; er ist ein zentraler Baustein zur Diversifizierung und damit zur Überwindung des Hungers und zur Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung! Im Zuge einer Förderung der lokalen Wirtschaft können weitere Arbeitsplätze im Handwerks- und Dienstleistungssektor entstehen.
Weitere Chancen bietet auch die Stärkung von Handelsbeziehungen zwischen bäuerlichen Produzenten und der wachsenden Zahl städtischer Konsumenten: Durch Direktvermarktung in Netzwerken erzielen Bauern ein höheres Einkommen, und Verbraucher erhalten im Gegenzug gesunde und bezahlbare Lebensmittel. Die Kaufkraft auf den lokalen Märkten kann sich so erhöhen, Dörfer werden attraktiver, und die Stadtbevölkerung muss weniger auf Importware und schlechtes Fast Food zurückgreifen.
Afrikanische Regierungen stehen in der Pflicht. Sie müssen den ländlichen Raum durch armutsmindernde Investitionen fördern, vor allem in Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Ausbildung junger Menschen, gerade auch von Mädchen. In der Malabo-Erklärung von 2014 haben die Staats- und Regierungschefs der Afrikanischen Union hierfür mindestens zehn Prozent der Staatsausgaben veranschlagt. Sie müssen aber auch die seit langem notwendigen Reformen zur Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und der Förderung privatwirtschaftlicher Initiativen umsetzen. Deutschland und die EU wie auch weitere Industrie- und Schwellenländer wiederum müssen für eine faire Kooperation mit Afrika sorgen, insbesondere mit Blick auf mehr Kohärenz in der Landwirtschafts-, Handels- und Finanzpolitik. Investitionen aus der Privatwirtschaft sind dringend notwendig, um gerade für junge Menschen, und zwar für Männer und Frauen, neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Dies alles selbstverständlich unter Einhaltung international gültiger Arbeits- und Sozialstandards sowie der größtmöglichen Transparenz.
In der Agenda 2030 hat die internationale Staatengemeinschaft zugesagt, ein dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle zu fördern. In Afrika entscheidet sich diese Zukunftsfrage auf dem Land und am Schicksal der jungen Menschen. Sie wünschen sich ein menschenwürdiges Leben mit einem existenzsichernden Einkommen und vor allem der Chance, ihre Zukunft mitzugestalten. Voraussetzung hierfür sind Sicherheit und Frieden, aber auch politische Beteiligung und Möglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Fähigkeiten. Denn zu einem „guten Leben“ gehören neben der Versorgung mit Grundgütern auch Gerechtigkeit und die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung.