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Von der Subsistenzwirtschaft zu einer nachhaltigen und marktfähigen Landwirtschaft: So könnte der Weg zu hundert Millionen Arbeitsplätzen für die Ärmsten Afrikas aussehen.
In den Staaten Subsahara-Afrikas leben rund 600 bis 800 Millionen Menschen in den ländlichen Gebieten weit unterhalb der Armutsgrenze. Der entsprechende Begriff für diese Arbeits- und Lebensbedingungen kleinbäuerlicher Familien ist die „Subsistenzwirtschaft“: Das Wort beschreibt den Umstand, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten dieser Familien nicht ausreichen, um die eigene Existenz zu sichern.
Die Folgen sind bekannt: Hunger, extrem hohe Kindersterblichkeit, elende Lebensbedingungen und geringe Lebenserwartung einerseits, Kriege um Land und Ressourcen, Landflucht und Überbevölkerung auf der anderen Seite.Der Irrsinn dieser Lage ist, dass die fortdauernden Ursachen und deren Folgen zu einer sich stetig beschleunigenden Abwärtsspirale der Situation in der Subsahara führen.
Ein weiterer oft benutzter Begriff ist die „Armutsfalle“ (poverty trap), oft als moralische Beschreibung der Lebensumstände missverstanden. Tatsächlich ist es aber ein griffiger Slogan für eine wirtschaftliche Gesetzmäßigkeit, der die Menschen in der landwirtschaftlichen Subsistenzwirtschaft unterworfen sind. Ohne Investitionen von außen haben diese Menschen keine Chance, jemals aus ihrer extremen Armut herauszukommen. Denn ihre Produktionsbedingungen - wie zu kleine landwirtschaftliche Fläche, kein Geld für den Kauf von Dünger und Saatgut und geringes Fachwissen - sind so negativ, dass sie nicht in die Lage kommen, genug Überschüsse zu erarbeiten, um eine Landwirtschaft zu entwickeln, die sich selbst trägt. Sie sitzen in einer Falle.
All diese Zusammenhänge sind längst bekannt und doch haben die Wirtschaftswissenschaften noch keine allgemeine Theorie entwickelt, wie Hunderte von Millionen Menschen, die außerhalb von ökonomisch beschreibbaren Märkten leben, zur Teilnahme und Teilhabe an Märkten ermächtigt werden können. Damit sich die afrikanische, kleinbäuerliche Landwirtschaft entwickelt, bedarf es einer umfassenden wirtschaftlichen und politischen Strategie, die alle relevanten, entwicklungsfördernden Maßnahmen gleichzeitigt bedenkt und einsetzt.
Der Gleichzeitigkeitsfaktor ist hierbei von besonderer Bedeutung, da Teilmaßnahmen, wie teuer auch immer, dass erforderliche Zusammenwirken nicht entfalten und daher letztlich sinnlos und enttäuschend für alle verpuffen.
Was sind nun diese relevanten Faktoren für eine erfolgreiche landwirtschaftliche Entwicklung in Subsahara-Afrika? Sie sind in jedem vernünftigen Handbuch über Agrarwirtschaft nachzulesen:
Der afrikanische Kontinent hat eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Regionen, die klimatisch, topographisch, politisch, ethnisch und durch Fauna und Flora einzigartig sind. Für jede dieser Regionen ist es möglich, eine individuelle Strategie zu entwickeln, die basierend auf den vorgenannten Prinzipien eine nachhaltige Entwicklung der Landwirtschaft ermöglicht.
Das entscheidende Problem ist natürlich die Finanzierung der unvermeidbaren Grundinvestitionen, die nur von den wohlhabenden Ländern als Zuschuss geleistet werden können. Da die Erfahrungen gezeigt haben, dass derartige Investitionen nur dann zugunsten der Kleinbauern wirksam eingesetzt werden, wenn die teils korrupten Staatsapparate darauf keinen Einfluss haben, müssen sie durch Investitionsschutzabkommen zwischen Geber- und Empfängerländer begleitet werden. Dies gewährleistet den Geberinstitutionen langfristig die Kontrolle über ihr eingesetztes Kapital. Das bedeutet natürlich den Abschied von eingefahrenen Prinzipien der Entwicklungszusammenarbeit mit unfähigen und korrupten Staatsbürokratien, die ein wesentlicher Grund für das seit mehr als fünfzig Jahre anhaltende, höchst unbefriedigende Ergebnis der Entwicklungshilfe sind. Das bedeutet keine Abkehr von der Souveränität der afrikanischen Staaten, sondern betont die beidseitige Verantwortung.
Die Überwindung der einfachen Subsistenzwirtschaft erfordert aber nicht nur wesentliche Finanzmittel, die fachlich klug eingesetzt werden müssen, sondern auch Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen im großen Umfang. Der Übergang zu einer marktwirtschaftlichen, fortgeschrittenen Landwirtschaft bedeutet für die afrikanischen Kleinbauern eine enorme kulturelle Veränderung. Diese Bildungsoffensive muss von der Einschulung der Bauernkinder, der gleichzeitigen Alphabetisierung der Erwachsenen bis zu einer dauerhaften landwirtschaftlichen Schulung der aktiven Bauern reichen. Diese Bildungsmaßnahmen müssen für einen Zeitraum von mindestens zwanzig Jahre gewährleistet und damit finanziert und organisiert sein. Im schulischen Bereich müssen Staat und Investor zusammenarbeiten, um die Integration in das Bildungssystem des jeweiligen Landes nicht zu verlieren.
In weiten Teilen der Landwirtschaft Afrikas wird die Nutzung des Bodens durch die Bauern nach den traditionellen, alten Regeln zugeteilt, das heißt, das Land wird durch den Stamm, die Dorfgemeinschaft oder andere traditionelle Autoritäten den einzelnen Bauern nur zur Nutzung überlassen. Ein privates Eigentumsrecht ist damit nicht verbunden. Über diesen traditionellen Nutzungsrechten steht der Staat mit einem allumfassenden Eigentumsanspruch. Im Konfliktfall zwischen Staat und Dorf verliert in der Regel der Bauer alle Rechte und wird besitzlos. Diese Eigentumsfrage ist eines der größten Hindernisse der landwirtschaftlichen Entwicklung in Afrika, da damit für private Investitionen keinerlei Rechtssicherheit besteht und diese deshalb nicht stattfinden.
"In Deutschland erprobt und bewährt: Das Modell der genossenschaftlichen Zusammenschlüsse von Bauern"
Ein weiterer sehr schwieriger Umstand ist, dass die überwältigende Mehrheit der Kleinbauern nur über sehr kleine Nutzflächen verfügt, die für sich genommen keine Intensivierung, keine Bewässerungssysteme und keinen Marktzugang ermöglichen. Kurz gesagt: Die individuelle nicht zu überwindende Armutsfalle hat hier ihre Hauptursache.Gibt es also eine Lösung für die Überwindung der Ursachen von Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit in den ländlichen Gebieten Afrikas? Ja, und zwar ein in Europa und insbesondere in Deutschland erprobtes und bewährtes Modell: der genossenschaftliche Zusammenschluss der Bauern.
Mit diesem Modell - in unterschiedlichen Ausformungen - haben im 19. Und 20. Jahrhundert Millionen armer Bauern in Europa eine Existenzgrundlage und einen relativen Wohlstand erreicht. Und dieses Modell ist auch auf Afrika übertragbar.
Mit der gestuften Organisation von Bauern in Kooperativen und übergeordneten Genossenschaften sind die geschilderten Ausgangsprobleme mit den aufgezählten wirtschaftlichen Lösungen zu überwinden. Genossenschaften, von Geberinstitutionen auf ihren Weg langjährig begleitet und geschützt, können in den Staaten Afrikas Wachstumspotentiale entfalten, die dann auch über sekundäre und tertiäre Effekte eine Millionenzahl Zahl von nachhaltigen neuen Arbeitsplätzen innerhalb und außerhalb der Landwirtschaft entstehen lässt.
Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass eine produktive Landwirtschaft, integriert in eine Marktwirtschaft, die Grundlage für Jobs und eine mögliche Industrialisierung ist.
Wenn man diesem Lösungsweg folgen will, erfordert dies auch eine wesentliche Umstrukturierung in politischer und organisatorischer Hinsicht der deutschen und europäischen Entwicklungshilfe.
Kurzatmige, isolierte Einzelmaßnahmen müssen zugunsten langfristiger, durchdachter Strategien verschwinden. Es sollten Zielprojekte definiert werden mit einem verbindlichen Finanzrahmen von mindestens zehn bis fünfzehn Jahren. Ohne diese Langfristigkeit bei Planung und Finanzierung wird der langfristige Erfolg der Entwicklungshilfe im ländlichen Raum ausbleiben und die afrikanische Völkerwanderung in Richtung Europa geht weiter. Wir können daran etwas ändern: mit Jobs für die Ärmsten im ländlichen Raum.
Afrikanische Regierungen stehen in der Pflicht. Sie müssen den ländlichen Raum durch armutsmindernde Investitionen fördern, vor allem in Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Ausbildung junger Menschen, gerade auch von Mädchen. In der Malabo-Erklärung von 2014 haben die Staats- und Regierungschefs der Afrikanischen Union hierfür mindestens zehn Prozent der Staatsausgaben veranschlagt. Sie müssen aber auch die seit langem notwendigen Reformen zur Durchsetzung von Rechtsstaatlichkeit und der Förderung privatwirtschaftlicher Initiativen umsetzen. Deutschland und die EU wie auch weitere Industrie- und Schwellenländer wiederum müssen für eine faire Kooperation mit Afrika sorgen, insbesondere mit Blick auf mehr Kohärenz in der Landwirtschafts-, Handels- und Finanzpolitik. Investitionen aus der Privatwirtschaft sind dringend notwendig, um gerade für junge Menschen, und zwar für Männer und Frauen, neue Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Dies alles selbstverständlich unter Einhaltung international gültiger Arbeits- und Sozialstandards sowie der größtmöglichen Transparenz.
In der Agenda 2030 hat die internationale Staatengemeinschaft zugesagt, ein dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle zu fördern. In Afrika entscheidet sich diese Zukunftsfrage auf dem Land und am Schicksal der jungen Menschen. Sie wünschen sich ein menschenwürdiges Leben mit einem existenzsichernden Einkommen und vor allem der Chance, ihre Zukunft mitzugestalten. Voraussetzung hierfür sind Sicherheit und Frieden, aber auch politische Beteiligung und Möglichkeiten zur Entfaltung der eigenen Fähigkeiten. Denn zu einem „guten Leben“ gehören neben der Versorgung mit Grundgütern auch Gerechtigkeit und die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung.