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Der Klimawandel zerstört vielerorts Entwicklungsfortschritte. Im klugen Zusammenspiel schützen Digitalisierung und Versicherungswirtschaft betroffene Kleinbauern
In Afrika gibt es unzählige Hektar ungenutzten Landes und enorm viele Sonnenstunden. Der Ende vergangenen Jahres in Berlin vorgestellte Weltrisikobericht zeigt aber auch: Viele afrikanische Staaten kämpfen mit Wetterextremen wie Dürren oder Überflutungen und sie gefährden besonders die Existenz von Bauern in Afrika und Asien. Schätzungen zufolge geraten jedes Jahr weltweit über 25 Millionen Menschen in Armut, weil sie Opfer von Extremwetterereignissen werden. Ausgelöst werden sie vom Klimawandel, der darauf zurückgeht, dass seit Beginn der Industrialisierung die globale Durchschnittstemperatur um mehr als einen Grad gestiegen ist.
Vor kurzem verhandelten internationale Staatschefs bei der 23. UN-Klimakonferenz in Bonn über Maßnahmen, mit denen der Anstieg der Erderwärmung begrenzt werden kann.
Ein Ausweg: Mikroversicherungen, die Kleinbauern im Falle von klimabedingten Ernteausfällen absichern. Anders als in Industrieländern können sich die Landwirte, insbesondere die Klein- und Kleinstbauern, die Prämien für eine klassische Versicherung nicht leisten. In Kenia wurde deshalb bereits 2009 das Mikroversicherungsprogramm „Kilimo Salama“ ins Leben gerufen. Dieses ermöglicht es Kleinbauern, sich gegen klimabedingte Ernteausfälle zu versichern.
Das Besondere daran: die Versicherungen können zusammen mit dem Saatgut für fünf Prozent des Kaufpreises erworben werden. Die Bauern müssen also nicht erst umständlich mit Versicherungsvertretern verhandeln. Auch die Abwicklung der Zahlung ist an die Gegebenheiten vor Ort angepasst: über das Bezahlsystem M-Pesa wird bequem per Handy bezahlt. Ist die Versicherung in Kraft und der Bauer als Kunde registriert, werden über solarbetriebene Wetterstationen die Klimaverhältnisse in der jeweiligen Anbauregion überprüft. Bleibt der Regen aus oder überschwemmt er die Felder, dann erhält der Bauer eine Rückerstattung auf sein Handy.
Kilimo Salama nutzt also gleich eine Reihe von Innovationen und reduziert Verwaltungsaufwand. Kontrollbesuche, Schadenserhebungen und langwierige Abrechnungen entfallen. So wird die Versicherung auch für Kleinbauern erschwinglich, die nur wenige Felder bewirtschaften. 2016 hatte das Projekt allein in Kenia, Ruanda und Tansania bereits mehr als eine Million Teilnehmer. Von den Versicherungen profitieren aber mittlerweile auch Bauern in Äthiopien, Nigeria und Simbabwe.
Außerdem setzt das Projekt auf Nachhaltigkeit: Die Berichte der Wetterstationen werden ausgewertet, um Erkenntnisse zu regionalen Wettertrends zu sammeln. Mit diesen Informationen, die per SMS verbreitet werden, können sich die Bauern besser auf die Klimaentwicklung einstellen und ihre Ernte entsprechend planen.
Mit der Versicherung im Rücken sind Kleinbauern oftmals bereit, größere Risiken einzugehen. Sie geben mehr Geld für Saatgut aus, pflanzen entsprechend mehr an und verdienen so langfristig besser
Das Mikroversicherungsprogramm wurde im Rahmen einer Partnerschaft zwischen der Syngenta Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft, einem Versicherungsunternehmen sowie dem Mobilfunkanbieter Safaricom entwickelt. Seit 2014 läuft das Programm unter dem eigens gegründeten Unternehmen ACRE.
Auch zahlreiche Mitglieder des Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft haben mittlerweile ähnliche Angebote in ihrem Portfolio. So zum Beispiel der weltweit agierende Versicherungskonzern Allianz. Er ist in 16 afrikanischen Ländern vertreten und stellt etwa 500.000 einkommensschwachen Familien und Einzelpersonen Mikroversicherungen zur Verfügung. Der Erfolg zeigt sich auf beiden Seiten. Mit der Versicherung im Rücken sind Kleinbauern oftmals bereit, größere Risiken einzugehen. Sie geben mehr Geld für Saatgut aus, pflanzen entsprechend mehr an und verdienen so langfristig besser. In Kenia wird diese Ertragssteigerung in der Maisernte auf rund zehn Prozent geschätzt, was einem zusätzlichen Ertrag von 92,50 Dollar pro Hektar Anbaufläche entspricht.
Immer öfter zieht die Wirtschaft auch gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen an einem Strang: Die sfr Consulting, ein Unternehmen der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Munich Re, bietet gemeinsam mit der NGO One Acre Fund aktuell einen neuen Versicherungsschutz gegen wetterbedingte Ernteausfälle für kleine landwirtschaftliche Betriebe an.
Mehr als 500.000 Kleinbauern in Ostafrika werden mit landwirtschaftlichen Produktionsmitteln, Finanzierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen unterstützt
Die Versicherung ist Teil eines größeren Vorhabens, das die landwirtschaftliche Produktion auf dem afrikanischen Kontinent nachhaltig steigern soll: Mehr als 500.000 Kleinbauern in Ostafrika werden mit landwirtschaftlichen Produktionsmitteln, Finanzierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen unterstützt. Nach Angaben der 2006 in Kenia gegründeten NGO konnten die Teilnehmer nach der Aufnahme in das Programm ihre Einträge im Schnitt verdoppeln und ihr Einkommen um mehr als 50 Prozent steigern. Die Risikotransferlösung der Munich Re-Tochter sichert die Teilnehmer des Programms ab.
Angesichts von Tropenstürmen, Überschwemmungen und Dürren, die in Entwicklungsländern immer wieder Existenzen bedrohen und Entwicklungsfortschritte zunichtemachen, sieht sich auch die Politik in der Verantwortung. Die G7 haben sich 2015 unter deutschem Vorsitz das Ziel gesetzt, bis 2020 zusätzlich 400 Millionen arme und besonders verwundbare Menschen in Entwicklungsländern gegen Klimarisiken abzusichern. Und zwar gemeinsam mit der Privatwirtschaft.
Deshalb haben das Bundesentwicklungsministerium und die KfW-Bankengruppe eine gemeinsame Initiative für den Ausbau von Klimarisikoversicherungen auf den Weg gebracht. Ziel des „InsuResilience Solutions Fund“ ist es, gemeinsam mit der Privatwirtschaft marktreife Versicherungsprodukte zu entwickeln. Sie sollen von Extremwetterereignissen besonders betroffene Menschen gegen Klimarisiken absichern.
Die Bundesregierung stellt hierfür 15 Millionen Euro bereit. Die Privatwirtschaft beteiligt sich bei der Umsetzung des Fonds in gleicher Höhe wie die Bundesregierung. Auf diese Weise können afrikanische Kleinbauern sich vor Klimakatastrophen schützen und die vielen ungenutzten Hektar Land und Sonnenstunden nutzen.